13.03.2012
Obwohl es endlich wieder viel länger hell ist in der letzten Zeit darf ich trotzdem oft und über viele Stunden brennen. Und wenn ich nicht gerade angezündet bin, bin ich umgeben von viel bunter Schönheit.
Es gab die ersten warmen Tage und jetzt mag die Herrin gar nicht mehr auf den richtigen Frühling warten. Sie kommt fast jeden Tag mit anderen Blumen nach Hause oder bastelt selber Blumentöpfe aus Kokosnüssen. Bald wird es keinen Platz mehr geben. Die Blumen sind zwar schön, aber sie sollen mir ja nicht meine besten Plätze (auf dem Tisch oder der Theke) streitig machen.
22.02.2012
In letzter Zeit ist hier allerhand los gewesen. Vor Aufregung darüber, dass sie sich verkleiden durften waren die Kleinen einer Ohnmacht nahe gewesen. Es gab einen Piraten, einen Frosch, einen Hasen, einen Tiger und einen Drachen. Ich muss sagen, dass die Rolle der Raubtiere am besten gepasst hat, vor allem nachdem die Kinder von einem Ausflug zurückkamen und säckeweise „Kamellen“ mitbrachten. Um diese vielen Kleinigkeiten haben sie dann gekämpft wie die Bestien. Diese sonderbaren Nahrungsmittel schienen einen leistungssteigernden Effekt zu haben, weil die Kleinen danach Energie hatten um stundenlang herumzutoben.
Als Ausgleich hatte ich ein paar ruhige Stunden mit der Herrin. Sie kam ein paar Mal früh von der Arbeit nach Hause und gönnte sich eine Tasse Kaffee, während sie Zeitung las. Ich wusste gar nicht, dass Menschen so leise sein können. Dafür hatte es in diesem Haus bisher noch kein Anzeichen gegeben.
03.02.2012
Meine Familie ist in letzter Zeit öfter zu Hause als sonst. Ich glaube, das liegt zumindest zum Teil daran, dass immer irgendwer krank ist. Es ist schade, dass derjenige dann so sehr leiden muss. Vor allem die 3 männlichen Familienmitglieder scheint es schlimmer erwischt zu haben – oder zumindest jammern sie am lautesten. Ich bin froh, dass ich weiblich bin und voller Stärke (bin eben auch eine Kerze ..).
Aber das ganze hat auch seine Vorteile: Ich durfte nun öfters auch nachmittags brennen, was ziemlich ungewöhnlich ist. Dabei haben meine „Flügel“ sich noch viel weiter entwickelt und sogar vereinigt. Ich bin die einzige Kerze im Haus mit solchen „Widderhörnern“. Aber wenn ich richtig darüber nachdenke gibt es sowieso keine zwei gleichen Kerzen im Haus. Jede Kerze entwickelt sich als Individuum.
Ich werde zwar immer schöner, aber gleichzeitig immer kleiner. Deswegen hat mich die Herrin auf eine Art Podest gestellt, so dass jeder mich von allen Seiten im Zimmer sehen kann und mein Licht positiv auf die Gemüter wirken kann.
17.01.2012
Ich habe wieder ein neues Zimmer im Haus kennengelernt. Nachdem die Herrin das Badezimmer zurückerobert hat (zuvor hatte sie den Wickeltisch und alles entsprechende Zubehör mit Freude weggebracht) bekam ich direkt neben der Badewanne meinen Platz.
Es scheint zweierlei Badekultur im Haus zu geben: Die Herrin füllt die Wanne mit Wasser und wohlduftendem Schaum, zündet mich an, lässt ruhige Musik spielen und vertieft sich in ein Buch. Die Kleinen hingegen mögen es lieber lebhafter und verbringen die Zeit immer wieder damit, mit furchterregenden Bestien zu kämpfen. Zum Glück werde ich davor immer eine Stufe höher gebracht (gerettet), denn die Wasserungeheuer sind nur eine Gefahr. Oftmals sind die tieferliegenden Badbereiche Land unter.
02.01.2012
Meine Begeisterung darüber, die 4. Advents-Kerze zu sein, war bald getrübt. Nach Heiligabend, der sehr schön und ruhig war, hatte ich eine Weile nichts mehr zu tun. Meine Familie war ein paar Tage hintereinander immer zum Essen außer Haus und anschließend waren so viele andere Menschen zu Besuch, dass es für mich keinen Platz mehr am Tisch oder auf der Theke gab, wo ich hätte stehen können. Hinzu kam noch, dass es nun 3 wild gewordene Kleine gab, die alles „anschauen“ wollten, was natürlich ziemlich gefährlich war – die Kleinen haben eine komische Vorstellung von „Anschauen“. Die Großen würden es wohl Anfassen nennen. Also verbrachte ich fast eine Woche in Sicherheit auf der Kommode im Schlafzimmer, dort wo die Herrin sonst alles hintat, wofür sie gerade keinen Platz fand.
Als Entschädigung bekam ich eine Kette aus Straß-Steinchen. Mit umgehängter Kette funkelt nun mein Licht in allen Ecken des Zimmers. Auch meine Familie hatte nun endlich wieder Zeit, mich zu bewundern. Am 1. Tag das neuen Jahres kehrte ein wenig Ruhe ein und Herrin und Herr spielten gemütlich ein Spiel, während sie alles auflisteten, was sie nicht mehr machen wollten/sollten im neuen Jahr – es war eine ziemlich lange Liste.
18.12.2011
Ich wusste es: Ich bin der 4. Advent! Nach 3 fast unerträglichen Wochen des Wartens und Verzweifelns wurde ich doch noch von der Herrin als 4. Kerze im Adventsarrangement auserwählt. Jetzt darf ich noch eine ganze Woche auf dem „roten Teppich“ (na gut, er ist eher orange als rot, aber ich fühle mich dennoch wie ein Star) neben den anderen 3 Adventskerzen stehen. Wir sind auch umgeben von einigen Christbaumkugeln. So nah an solch festliche Ornamente bin ich noch nie gekommen, da ich viel zu schwer bin, um auf dem Weihnachtsbaum zu stehen. Ich würde mich sowieso nicht aufteilen wollen. Meine jetzige Aufgabe erfüllt mich voll und ganz. Mittlerweile verstehe ich mich recht gut mit meinen neuen Kerzen-Freundinnen. Jetzt wo wir auf einem Stück so lange nebeneinander stehen, kommen wir viel besser ins Plaudern, als wenn wir über das ganze Haus verteilt wären.

04.12.2011
Schon wieder eine Überraschung für mich! Die Herrin des Hauses hat mir neue „Kleider“ gegeben. Mein neuer „Rock“ ist eine Kreation aus Tannenzapfen, Kastanien und Eicheln – einfach wunderschön. Auch sonst sieht das Haus jetzt viel festlicher aus.
Obwohl ich in letzter Zeit nicht viel gebrannt habe – noch bin ich nicht als Adventskerze auserwählt worden – kam ich heute zu einem wichtigen Einsatz. Nicht nur, dass es einer der Adventssonntage war, es war auch noch der Geburtstag des Hausherrn. Ich stand mitten auf dem Tisch zwischen vielen Bechern Kaffee, Tellern voller Plätzchen, einer Linzertorte und Berge von Mandarinen. Anfangs konnten die Besucher mich kaum sehen vor lauter Leckereien, aber diese Berge wurden schnell kleiner.
Auch wenn es mir Spass gemacht hat, eine Geburtstagskerze zu sein, hoffe ich immer noch sehr darauf, die Rolle des 3. oder 4. Advents spielen zu dürfen. Drückt mir die Daumen!
25.11.11
Heute durfte ich das erste Mal mit in den Kindergarten. Ich und 3 andere Kerzen (ich entdecke immer mehr … !!!) kamen bei einer Vorführung eines Advents-Spiels zum Einsatz. Ich war der 3. Advent. Die Herrin hat einen schönen Text vorgelesen und mich anschließend, als Symbol der Besinnung, hoch gehoben. Ihren Text hat sie ganz passabel vorgetragen, aber ich war natürlich der Star des Ganzen. Sogar die Kinder haben kurz aufgehört, sich mit Kuchen und Plätzchen voll zu stopfen, um mich und meine „Gesellen“ zu betrachten.
Damit, dass ich wohl nie eine Einzelkerze war und nie eine werde, habe ich mich mittlerweile abgefunden. So schlecht ist es gar nicht, ein paar Gleichgesinnte um mich herum zu haben.

(Das bin ich - ganz links)
Bisher habe mich immer als etwas Besonders betrachtet und fühle mich nun etwas desillusioniert. Mal sehen, vielleicht ist die „andere „ ja nett und wir können uns austauschen über das, was im Hause so vor sich geht. Ich fange an zu verstehen, wieso die 2 Kleinen im Haus um die Aufmerksamkeit der Herrin buhlen. Ich glaube, ich wäre lieber eine Einzelkerze!

07.11.2011
Die Kleinen der Familie haben mir Geschenke gemacht und mir kleine Zierkürbisse von dem Kindergartenfest mitgebracht! Ich muss sagn, dass sie mir ganz gut stehen und bringen meine Farbe sehr gut zur Geltung. Auch ein paar orange-farbene Pflanzen hat die Herrin zu mir gestellt, um meiner Schönheit einen herbstlichen Akzent zu geben. Die Abwechslung gefällt mir ganz gut.
Abends wird es mittlerweile früher dunkel und ich darf oft stundenlang brennen – sofern meine Familie zu Hause ist. In den letzten Tagen waren sie öfters unterwegs und haben auswärts gegessen. Bis sie nach Hause kamen war es relativ spät und die Kinder mussten direkt ins Bett – was den Kleinsten dazu veranlasst hat, den Boden mit Händen und Füßen zu attackieren. Es scheint sich um ein Ritual des Missfallens zu handeln.
Dennoch öffnen sich meine „Flügel“ immer weiter – ganz zu meiner Freude und natürlich zur Freude aller um mich herum.

02.11.2011
Ich habe die letzten Tage wieder viel brennen dürfen. Die Herrin des Hauses würde mich ganz oft vergessen anzuzünden, wenn es nicht den Kleinsten gäbe. Sobald die Sonne schwächer wird besteht er nämlich darauf und ruft :„Kerze an, Kerze an“. Er scheint auch allgemein das Sagen zu haben.
Die meiste Zeit stehe ich in der Küche auf meiner großen Bühne. Manchmal ärgert es mich, dass die Herrin ganz oft andere Sachen dort ausbreitet, wenn sie z.B. das Essen zubereitet. Aber sie bemüht sich meist, dass mein Platz, den sie „Theke“ nennt, bald wieder sauber ist.
Im Wohnzimmer bin ich auch schon gewesen. Ich schätze, da ich zu diesem Zeitpunkt schon über 30 Stunden gebrannt habe und mich oben wunderschön entfalte, dass ich den Gästen präsentiert werden sollte. Die Herrin fängt immer an zu strahlen, wenn ihre Gäste mir Komplimente machen. Das finde ich sehr eigenartig – ich fühle mich schließlich nicht geschmeichelt, wenn der Hausherr ihre neue Frisur bemerkt oder das gelungene Essen lobt. Übrigens, ich habe beobachtet, dass dies nur passiert, wenn das Essen nicht schwarz ist.

29.10 2011
Offenbar ist meiner Familie mit mir sehr zufrieden. In den letzten Tagen durfte ich immer abends in der Küche brennen und jetzt wurde ich sogar mit in den Kurzurlaub genommen. Die Wohnung die wir jetzt haben, zusammen mit anderen Mitgleider der Sippe, ist sehr schön. Mit 4 kleinen Personen aber liegt alles Mögliche auf dem Boden herum, wie kleine Autos, Puppen und Puzzles. Zum Glück bin ich ja da um mindestens einen Anschein von Zivilisation zu geben.
Der gedeckte Tisch sieht aber besonders prachtvoll aus wenn alle zusammenkommen. Obwohl meine Familie vieles außerhalb der Wohnung unternimmt, sitzen sie oft genug am Tisch, zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen sowieso, aber jetzt kommt eine neue Mahlzeit hinzu die anscheinend „Kaffee“ heisst.

23.10.2011
Heute wurde ich aus dem Fabrikverkauf in Linkenheim abgeholt und zu meiner neuen Familie mit nach Hause genommen. Ich war schon stolz unter alle den schönen aufblühenden Kerzen ausgesucht worden zu sein, aber anscheinend war ich die schönste (was ich ehrlich gesagt schon vorher wusste…;-)). Mir wurde gleich einen Ehrenplatz – mitten auf dem Esstisch – zugeteilt und ich durfte schon 4 Stunden lang die Küche erhellen. Bei dem Abendessen haben mich alle 4 Familienmitglieder bewundert, obwohl sie auch über solch alltägliche Sachen sprachen wie Kindergarten oder Arbeit. Das letztere schien eher die 2 kleinen Personen nicht zu interessieren.












